WEISSER RING e. V.
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Jung, weiblich, Führungsposition

„Ich freue mich auf die neue Aufgabe", sagt Sarah Toewe mit zarter Stimme. Als ihr daraufhin applaudiert wird, lächelt sie und blickt in die Runde, ein wenig zaghaft. Nur für einen kurzen Moment scheint sie mit den Augen Halt in den Gesichtern ihrer Gegenüber zu suchen.

Dann strafft sie die Schultern und fängt an zu erzählen. Von der WhatsApp-Gruppe, die man jetzt neu eingerichtet habe, um sich besser organisieren zu können. Von einem Vortrag über Gewalt in engen sozialen Beziehungen, den sie empfiehlt, weil sie ihn schon gehört und für hilfreich befunden hat. Von der Gelegenheit zur Öffentlichkeitsarbeit in einem Gymnasium, für das sie Freiwillige für einen Infostand sucht. „Fühlt euch nicht gedrängt", sagt sie, der Blick in die Runde ist da schon fester. Sie scheint langsam anzukommen in ihrer neuen Rolle.

Sarah Toewe ist Studentin der Erziehungswissenschaften und 28 Jahre alt. Und deutschlandweit die jüngste Außenstellenleiterin des WEISSEN RINGS. Schon mit 14 wollte sie sich in der Opferhilfeorganisation engagieren – da war sie noch zu jung. Als sie wegen des Studiums von Braunschweig nach Mainz zieht, meldet sie sich beim Verein, absolviert ab Anfang 2016 Hospitanzen in der Opferarbeit. Es folgt, bedingt durch die Lernbelastung in ihrem Studium, eine passive Phase. Jetzt, seit Ende 2018, trägt sie die Verantwortung für die Arbeit von zwölf ehrenamtlichen Mitarbeitern in der Außenstelle Mainz Stadt - ein Standort von besonderer Bedeutung, schließlich wurde die Opferhilfeorganisation in der Rheinhessenmetropole ins Leben gerufen. Dementsprechend ist man in Mainz auch um Präsenz in der Stadt und in der öffentlichen Wahrnehmung bemüht.


"Ich kann jetzt das machen, was mir wirklich wichtig ist."

Sarah Toewe, jüngste Außenstellenleiterin der Opferschutzorganisation

Das Büro des rheinland-pfälzischen Landesverbands etwa liegt an einer der Mainzer Hauptverkehrsachsen, also mitten im manchmal sehr quirligen Leben der Domstadt. Die Außenstelle kann die Räumlichkeiten mit nutzen, für Administratives, für Gespräche mit Opfern und für die Mitarbeiterversammlungen, so wie sie Toewe heute zum ersten Mal in ihrer neuen Funktion leitet. In Mainz Stadt hat man gut zu tun, Toewe hat eine gute Zahl an Opferfällen übernommen. Zum Zeitpunkt ihrer Übernahme haben ihre Mitarbeiter allein in den ersten drei Quartalen 2018 gut 120 Fälle registriert. „Es läuft. Aber unterstützt uns, helft uns", betont Klaus Groß. Der Blick des Ex-Polizisten ist fest, prüfend. Der Pensionär ist Toewes Stellvertreter, seit Mai 2017 Mitarbeiter des WEISSEN RINGS, verfügt zudem über einen beachtlichen Erfahrungsschatz in Sachen Opfer, den er im Laufe seines Berufslebens ansammeln konnte. „Wir machen das nicht mit der klassischen Rollenverteilung Chefin-Vertreter. Wir hauen uns lieber gegenseitig alles um die Ohren", sagt der 64-Jährige und lächelt verschmitzt. „Er hat kein Problem damit, Stellvertreter einer 28-Jährigen zu sein", bescheinigt ihm Toewe. Im Gegenteil. Toewe hatte es zur Bedingung gemacht, dass der Ältere ihr Stellvertreter würde, sollte sie Außenstellenleiterin werden.

Eine angehende Erziehungswissenschaftlerin und ein ehemaliger Kripobeamter. Ein generations-und geschlechterübergreifendes Tandem. Und Toewe, die Jüngere, sitzt am Lenker. „Das hat mich überzeugt", sagt Werner Keggenhoff, „diese Verkopplung von jung und weiblich mit nicht mehr so ganz jung und männlich." Keggenhoff ist der Vorsitzende des rheinland-pfälzischen Landesverbands der Opferhilfeorganisation, ein Förderer Toewes und Verfechter einer klaren Personalstrategie: qualifizierte Frauen in Führungspositionen bringen, fernab von dem reinen Erfüllen irgendwelcher Quoten, sondern durch objektive Anerkennung der Leistungen weiblicher Mitarbeiter. Keggenhoff hat nach eigener Aussage diese Strategie bereits in seiner aktiven Laufbahn als Landesamtschef im Dienst der rheinland-pfälzischen Verwaltung angewendet. Erfolgreich.

Werner Keggenhoff, Vorsitzender des rheinland-pfälzischen Landesverbands des WEISSEN RINGS (Fotos: Hermann Recknagel)

 

Und seine Personalstrategie bedient noch weitere Aspekte. Natürlich haben sich die Medien für Toewe interessiert, natürlich ist über sie, die junge Frau, die sich an herausragender Position in einer herausfordernden ehrenamtlichen Tätigkeit einbringt, berichtet worden. Natürlich hat das für Aufsehen gesorgt. Und ist gut angekommen. Gerade in einer Stadt wie Mainz, die unter ihren rund 220.000 Einwohnern gut 40.000 Studenten zählt, junge Menschen also, „das bestimmt auch die Intensität der Wahrnehmung des WEISSEN RINGS", erläutert Keggenhoff. Und das bestimmt auch die Wahrnehmung der Chancen, die ein solches Ehrenamt jungen Menschen am Beginn ihrer beruflichen Laufbahn bieten kann. Erfahrungen sammeln, bestens qualifizierte Seminare besuchen, die die Organisation ihren Mitarbeitern in der Aus- und Weiterbildung bietet, „das ist doch grandios", zeigt sich der rheinland-pfälzische Landesvorsitzende überzeugt.

„Im Prinzip kommt die Tätigkeit, die ich jetzt in der Opferarbeit ausübe, meinem Traumjob schon recht nah", sagt Toewe. Die Arbeit mit Betroffenen von Kriminalität, das Zuhören, Verständnis und Persönlichkeit entwickeln; Teamwork, Gesprächsführung, der Ausbau ihrer sozialen Kompetenz durch den Umgang mit Menschen, die sich in Grenzsituationen befinden – alles das sind Fähigkeiten, Qualifikationen, die sie durch ihr Ehrenamt vertieft und die ihr bei einer späteren Festanstellung - „definitiv in der Beratung", wie sie sich sicher ist - von echtem Nutzen sein können.

28 Jahre alt ist Sarah Toewe, die Leiterin der Außenstelle Mainz Stadt. 64 Jahre alt ist Klaus Groß, ihr Stellvertreter. (Foto: Hermann Recknagel)

 

„Aber ich möchte und kann jetzt das machen, was mir wirklich, wirklich wichtig ist", sagt die 28-Jährige, und man kauft es ihr sofort ab. Dafür nimmt sie auch Nachteile und außerordentliche Herausforderungen in Kauf. Kein Geld mit ihrem ehrenamtlichen Engagement zu verdienen etwa. Die emotionalen Belastungen zu verarbeiten, die ihre Aufgabe mit sich bringt. Und Führungsaufgaben ausfüllen und dabei auch stets ein wenig in der Öffentlichkeit zu stehen zu müssen. „Es ist mir kein Anliegen, mich an die Spitze zu stellen", betont sie. „Führen ist eine reine Kopfsache", sagt Keggenhoff. „Es gibt gestandene Männer, die nicht führen können. Bei Sarah Toewe habe ich den Eindruck, dass sie genau weiß, wo ihre Grenzen sind und wann sie sich Rat holen muss – sei es bei ihren Mitarbeitern oder bei mir."

„Ich wollte mal ganz allgemein wissen, wie ihr zur Öffentlichkeitsarbeit steht", sagt Toewe – da läuft die erste Mitarbeiterversammlung, die sie leitet, schon ein paar Minuten. Gilt das als Ausdruck ihres Führungsstils, gegossen in eine Frage? „Mein Team steht hinter mir, und ich bin ein Teamplayer", sagt Toewe, „abgesehen davon glaube ich, dass man mir anmerkt, dass mich die Aufgabe beim WEISSEN RING erfüllt, dass ich mit Leidenschaft dahinterstehe." In der ersten Jahreshälfte wird sie vermutlich an der Mainzer Uni ihren Bachelorabschluss machen. Was dann kommt, weiß sie noch nicht genau, vielleicht einen Master draufsatteln, vielleicht eine Promotion? Eine Ausbildung als zahnmedizinische Fachangestellte hat sie jedenfalls schon seit Jahren in der Tasche. Wenn sie über ihre Zukunft redet, ist ihr Blick nicht mehr so zaghaft. Verständlicherweise. Denn schließlich ist Toewe jung, weiblich – und hat eine Führungsposition.