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Steffen Schroeder: „Täter begreifen zu wollen und sich für Opfer stark zu machen, ist für mich kein Widerspruch"

Foto: © Wolf Lux / Bild

Als Polizeioberkommissar Tom Kowalski jagt Schauspieler Steffen Schroeder in der TV-Serie SOKO Leipzig Verbrecher und bringt sie hinter Gitter. Privat geht er seit vier Jahren regelmäßig selbst ins Gefängnis, und spricht als ehrenamtlicher Vollzugshelfer mit einem Mörder. Über diese Besuche und die Auseinandersetzung mit dem Täter hat Schroeder im März ein Buch veröffentlicht. Unter dem Titel „Was alles in einem Menschen sein kann – Begegnung mit einem Mörder" stellt Schroeder Fragen nach Schuld und Verantwortung. Gleichzeitig setzt er sich als Botschafter des WEISSEN RINGS für Opfer von Kriminalität ein. Warum sein Engagement für Opfer und die Auseinandersetzung mit einem Täter für ihn kein Widerspruch ist, erklärt Schroeder im Interview.

Herr Schroeder, warum treffen Sie sich seit vier Jahren in Ihrer Freizeit regelmäßig mit einem verurteilten Mörder?

In meiner Rolle als Fernsehkommissar geht es immer um Kriminalität – ein bisschen lebe ich also vom Verbrechen. Als Schauspieler, aber auch als Privatperson beschäftigt mich die Frage, wie ein Mensch zum Mörder werden kann.

Bei meinen Besuchen in der JVA Tegel spreche ich mit einem verurteilten Mörder, wir streiten uns zum Beispiel über Schuldfragen. Ich möchte Micha – so nenne ich den Mann, den ich im Gefängnis besuche, in meinem Buch – dabei helfen, nach der Haft im Rahmen des Möglichen ein normales Leben aufzunehmen.

Was ist Ihre Motivation, Ihre Erfahrungen als ehrenamtlicher Vollzugshelfer in einem Buch zu veröffentlichen?

Es ist mir ganz wichtig, nicht als Täterversteher missverstanden zu werden. Es geht mir darum, zu ergründen, warum jemand solche schrecklichen Taten begeht. Es geht mir aber nicht darum, Verständnis für seine Taten zu entwickeln oder sie zu rechtfertigen.

Ich glaube, dass die Auseinandersetzung mit der Täterseite dem präventiven Opferschutz dient. Irgendwann werden Täter auch wieder aus der Haft entlassen. Menschen wie Micha müssen wieder in unsere Gesellschaft integriert werden können. Wenn sie keine Anbindung haben, bleibt die Gefahr sehr groß, dass sie erneut straffällig werden.

Ich habe bei meinen Besuchen in der JVA Tegel viel Skurriles über den Haftalltag erfahren. Dinge, die mir unter die Haut gingen und für mich die Frage aufwerfen, wie die Zeit im Gefängnis den Tätern dabei helfen kann, später ein sinnvolles Leben zu leben führen (Doppelung „Leben leben"). Das ist für mich eine Frage, die die ganze Gesellschaft betrifft und worüber man nachdenken muss.

Opfer dürfen nicht alleine gelassen werden – diese Botschaft vertrete ich aus tiefstem Herzen und bin deshalb auch für den WEISSEN RING aktiv. Aber in unserer Gesellschaft müssen wir uns auch um Täter bemühen. Gerade um zu verhindern, dass andere Menschen wieder Opfer werden. Allein mit dem Wegsperren der Verbrecher ist es einfach nicht getan.

Welche Rolle spielen Opfer in Ihrem Buch?

Täter begreifen zu wollen und sich für Opfer stark zu machen, ist für mich kein Widerspruch. In meinem Buch schildere ich, wie Micha durch unsere Gespräche mehr und mehr die Verantwortung für den nicht wiedergutzumachenden Mord übernimmt. Für diese sinnlose Tat. Heute ist ihm seine Schuld bewusst. Und es gibt den Wunsch in ihm, wieder etwas gut machen zu wollen. Zum Beispiel durch einen Täter-Opfer-Ausgleich mit den Hinterbliebenen des Opfers.

Natürlich muss die Entscheidung immer bei den Betroffenen selbst liegen, ob sie sich mit dem Täter konfrontieren wollen. Aber ich glaube, dass es manchen Opfern und Angehörigen bei der Verarbeitung und Überwindung des Leids helfen kann, wenn sich der Täter zu dem bekennt, was er getan hat, die Verantwortung übernimmt und Reue zeigt. Ich habe bei meiner ganz persönlichen Auseinandersetzung mit der Täterseite, und auch beim Schreiben des Buches, immer vor allem auch die Opfer im Blick.