WEISSER RING e. V.
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Missbrauchs-Vorwürfe gegen einen Außenstellenleiter des WEISSEN RINGS

Der WEISSE RING hat den Leiter der Außenstelle Hochsauerlandkreis mit sofortiger Wirkung von allen Aufgaben entbunden. Außerdem hat der Verein Strafanzeige erstattet gegen den ehrenamtlichen Mitarbeiter wegen des Verdachts von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, Betrug und Unterschlagung.

Der WEISSE RING verspricht, die Vorgänge und Hintergründe mit größtmöglicher Transparenz aufzuarbeiten und darzustellen. Dazu dient diese Website, die wir regelmäßig aktualisieren werden, sobald neue Erkenntnisse vorliegen.

(zuerst veröffentlicht: 22.02.2021, 16:30 Uhr)

1 Was wird dem Mitarbeiter vorgeworfen?

Dem WEISSEN RING liegen seit dem 10. Februar 2021 zwei Schreiben einer Rechtsanwältin und einer Beratungsstelle vor, in denen der Verein darüber informiert wird, dass ein Außenstellenleiter – ein ehemaliger Polizist – mutmaßlich sexuelle Handlungen an einem von ihm betreuten Kriminalitätsopfer vorgenommen haben soll. Den Schilderungen zufolge soll der Mann dabei die gesundheitliche Situation und die besondere Belastung der betroffenen Frau für seine Zwecke ausgenutzt haben. Der Geschäftsführende Bundesvorstand des WEISSEN RINGS hat die Schilderungen als glaubhaft bewertet. Da die dem Verein vorgebrachten Vorwürfe potenzielles Täterwissen beinhalten, wird der WEISSE RING aus ermittlungstaktischen Gründen dazu keine weiteren Angaben machen.

Unabhängig von einer strafrechtlichen Bewertung durch die Justiz hat der Außenstellenleiter aus Sicht des WEISSEN RINGS massiv gegen den Verhaltenskodex des Vereins und gegen die Standards der Opferbetreuung verstoßen.

Die Opferkontakte des abberufenen Außenstellenleiters gingen den Hinweisen zufolge deutlich über diesen Standard hinaus und zeigten alle Anzeichen einer sogenannten Überbetreuung. Verstoßen hat der Mann den Schilderungen zufolge zudem gegen das ihm ausdrücklich auferlegte Sechs-Augen-Prinzip, also gegen die Vorgabe, weibliche Opfer nur in Begleitung einer weiteren Mitarbeiterin zu betreuen.

In einem der beiden Schreiben an den WEISSEN RING werden zudem Betrugsvorwürfe gegen den Mann erhoben. Der mutmaßliche finanzielle Schaden ist nicht dem Verein, sondern den Sozialkassen entstanden.

Im Verhaltenskodex des WEISSEN RINGS heißt es unter anderem, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter 

  • „achten die Persönlichkeit der betroffenen Menschen, insbesondere die individuellen Empfindungen zu Nähe und Distanz der betreuten Menschen, […]
  • achten auf die Bedürfnisse des betroffenen Menschen, respektieren ihn, nehmen vorurteilsfrei Anteil und gehen adäquat und empathisch mit ihm um,
  • unterstützen betroffene Menschen bei ihrer psychischen und sozialen Stabilisierung,
  • achten das Recht des betroffenen Menschen auf körperliche Unversehrtheit und unterlassen jede Form der physischen, psychischen oder sexualisierten Gewalt und Belästigung,
  • stimmen darin überein, dass eine Sexualisierung der Beziehung zu dem Hilfesuchenden unvereinbar ist mit dessen Betreuung durch den WEISSEN RING […].“

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des WEISSEN RINGS sollen sich als Lotsen verstehen, die Kriminalitätsopfer beraten, ihnen Hinweise zu weiteren Hilfsmöglichkeiten geben, ihnen Optionen der juristischen Weiterverfolgung aufzeigen oder sie auch zu Anwalts- oder Gerichtsterminen begleiten. 

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2 Was sagt der Außenstellenleiter zu den Vorwürfen?

Der Mitarbeiter hat vom Landesvorsitzenden telefonisch, per E-Mail und per Einschreiben das Angebot zu einem persönlichen Gespräch erhalten. Bislang hat er es nicht angenommen.

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3 Wie hat der WEISSE RING auf die Vorwürfe gegen den Mitarbeiter reagiert?

  1. Der Vorsitzende des Landesverbandes NRW/Westfalen-Lippe, Jörg Bora, hat den Mann noch am 10. Februar als Außenstellenleiter abberufen, ihn von sämtlichen Aufgaben für den WEISSEN RING entbunden und ihm den Kontakt zu Opfern, ehemaligen Opfern, deren Angehörigen und zum Netzwerk des Vereins untersagt. Nachdem Bora den Mitarbeiter zunächst telefonisch nicht erreicht hatte, schickte er ihm die Abberufung per E-Mail. Der Außenstellenleiter bestätigte dem Landesvorsitzenden am späten Abend per Mailbox-Nachricht, die E-Mail gelesen zu haben. Dennoch betreute der Mann aus eigener Motivation heraus und gegen die zuvor erfolgten Anweisungen noch am Morgen des 11. Februar ein weiteres Opfer, laut eigenen Angaben begleitete er eine Frau zu einem Gerichtstermin.
  2. Ebenfalls am 10. Februar hat die Bundesgeschäftsstelle des WEISSEN RINGS in Mainz eine Strafanzeige gegen den Mann wegen des Verdachts von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, Betrug und Untreue verfasst. Am Morgen des 11. Februar wurde die Anzeige zur Staatsanwaltschaft Arnsberg geschickt. Die Aufklärung und juristische Bewertung der strafrechtlichen Vorwürfe liegt damit bei der Staatsanwaltschaft Arnsberg. Diese hat den Eingang der Anzeige inzwischen bestätigt.
  3. Der WEISSE RING hat eine Taskforce in der Bundesgeschäftsstelle in Mainz eingerichtet. Eine Aufgabe der Taskforce ist es, alle von dem Außenstellenleiter bearbeiteten Opferfälle dahingehend zu überprüfen, ob es – und falls ja: wie viele – weitere Hinweise auf ein mögliches Fehlverhalten des Mannes gibt. Die Zahl der durch ihn bearbeiteten Opferfälle liegt im knapp dreistelligen Bereich.

    Die erfahrenen Mitarbeiterinnen des WEISSEN RINGS, Martina Linke und Christine Burck, werden gemeinsam die Aufgabe übernehmen, Kontakt zu diesen Opfern oder ihren Angehörigen aufzunehmen. Das erfordert eine besonders opfersensible Ansprache, um die Gefahr einer Retraumatisierung ausschließen zu können. Diese Arbeit hat bereits begonnen. Martina Linke, eine frühere Kriminalbeamtin und ehemalige Opferschutzbeauftragte des Landeskriminalamtes Berlin, ist die stellvertretende Vorsitzende des Landesverbands Berlin. Christine Burck, ebenfalls eine ehemalige Kriminalbeamtin, bildet im Landesverband Berlin Außenstellenleiter aus.

    Die Aufarbeitung der Opferfälle des Mannes beinhalten einerseits sämtliche abgeschlossenen Fälle. Auch die laufenden, also aktuell noch in Bearbeitung befindlichen Fälle werden überprüft und selbstverständlich weiter fortgeführt. Die Weiterbearbeitung dieser Fälle übernehmen ehrenamtliche Mitarbeiterinnen der Außenstelle Waldeck-Frankenberg aus dem benachbarten Landesverband Hessen, um auch hier größtmögliche Transparenz und Neutralität zu gewährleisten.

    Aufgabe der Taskforce ist zudem die Überarbeitung der Qualitätsstandards des WEISSEN RINGS – auch wenn wir wissen: Einen absoluten Schutz gegen vorsätzliches kriminelles Handeln kann es nicht geben. Weiter sollen alle derzeit besetzten über 300 Außenstellen des WEISSEN RINGS auf mögliche Unregelmäßigkeiten und Auffälligkeiten im Umgang mit Opfern überprüft werden. Mit der Umsetzung dieser Maßnahmen beauftragt wurde die Bundesgeschäftsstelle in Mainz in enger Zusammenarbeit mit den 18 Landesvorsitzenden, die derzeit ca. 2800 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer des WEISSEN RINGS leiten.
  4. Der Verein hat eine Hotline für potenziell betroffene Frauen eingerichtet, die Kontakt zum WEISSEN RING aufnehmen möchten. Ansprechpartnerin am Telefon ist Petra Klein, Vorstandsmitglied und Leiterin der Außenstelle Oldenburg in Niedersachsen. Sie hatte auch die Betreuung von Betroffenen nach Bekanntwerden der Vorwürfe in Lübeck übernommen. Über die Telefonnummer 0151/55164597 kann direkter Kontakt aufgenommen werden.

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4 Sind dem WEISSEN RING weitere Opfer in diesem Komplex bekannt?

Aktuell ist dem WEISSEN RING konkret ein weiterer Verdachtsfall bekannt. Am 22. Januar 2019 hatte sich eine Frau beim Opfer-Telefon des WEISSEN RINGS gemeldet und mitgeteilt, dass der Leiter der Außenstelle Hochsauerlandkreis ihr gegenüber mehrmals sexuell übergriffig geworden sei. Der Vorwurf wurde an die Bundesgeschäftsstelle und an den Vorsitzenden des Landesverbandes Westfalen-Lippe weitergeben. Die Bundesgeschäftsstelle bat die Anruferin schriftlich, Kontakt zur Unabhängigen Vertrauensperson des Vereins aufzunehmen, Dr. Herbert Fischer-Drumm. Die Funktion der Vertrauensperson war nach einem ähnlichen Vorfall in Lübeck im Jahr 2018 geschaffen worden. Der Vorsitzende des Landesverbandes Westfalen-Lippe, Jörg Bora, suspendierte parallel den Außenstellenleiter. Eine sofortige Suspendierung ist bis zu einer Überprüfung von Vorwürfen nach dem erwähnten Fall in Lübeck Standard. Der Außenstellenleiter zeigte laut eigener Aussage Verständnis für eine vorübergehende Suspendierung, stritt die Vorwürfe aber als „völlig haltlos“ ab.

Als die Anruferin nach drei Wochen nicht, wie angeboten, Kontakt zur Unabhängigen Vertrauensperson des WEISSEN RINGS aufgenommen hatte, entschied der Landesvorsitzende eigenverantwortlich, die Suspendierung des Außenstellenleiters wieder aufzuheben. In einer internen Mail begründete Bora diesen Schritt damit, dass die Außenstelle seit drei Wochen „in der Luft schwebe“ und dass es nicht sein könne, dass ein Mitarbeiter mit derart schweren und belasteten Vorwürfen konfrontiert sei. Der Außenstellenleiter bedankte sich für das Vertrauen und gab damals dem Landesvorsitzenden gegenüber an, „bis auf weiteres“ lediglich Verwaltungsaufgaben in der Außenstelle HSK wahrnehmen zu wollen und keine unmittelbare Opferfallbearbeitung zu übernehmen. Bora machte ihm dies zur Auflage.

Wegen der Schwere des Vorwurfs bemühte sich die Vertrauensperson auch danach, in Kontakt mit der Anruferin zu treten. In der Folge kam es dann zu Telefongesprächen und einem persönlichen Treffen der Frau mit Herrn Dr. Fischer-Drumm, einem früheren Theologen. Dabei hielt die Frau an ihren Vorwürfen gegen den Außenstellenleiter fest. Sie kündigte wiederholt an, Strafanzeige erstatten zu wollen, setzte die Ankündigung aber nach Wissen des WEISSEN RINGS nicht um.

In seinem Abschlussbericht vom 12. April 2019 kam die Unabhängige Vertrauensperson zu der Einschätzung, dass die Angaben der Frau widersprüchlich und letztlich nicht hinreichend glaubhaft seien. Er empfahl, den Außenstellenleiter in seiner Funktion zu belassen, ihn aber darauf zu verpflichten, Opfer-Kontakte insbesondere zu Frauen künftig im Rahmen eines Sechs-Augen-Gesprächs zu führen.

In einem der beiden Hinweisschreiben an den WEISSEN RING findet sich ein Anhaltspunkt dafür, dass eine dritte Frau sich über den Mitarbeiter beschwert haben könnte. Nähere Details dazu sind dem WEISSEN RING derzeit noch nicht bekannt. Die neu eingesetzte Taskforce hat die Überprüfung übernommen.

Über die neu eingerichtete Hotline haben sich seit Bekanntwerden der Vorwürfe gegen den Außenstellenleiter drei weitere Frauen mit Hinweisen auf mögliches Fehlverhalten ihnen selbst oder Angehörigen gegenüber gemeldet.

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5 Wie bewertet der WEISSE RING heute die damalige Entscheidung?

Letztlich hat der WEISSE RING bzw. haben die in diesem Fall hauptverantwortlich handelnden Personen bei der Bewertung der Vorwürfe gegen den Außenstellenleiter ein Problem gehabt.  Sie haben den Grundsatz der Opferarbeit „Wir glauben Opfern“ durch die Suspendierung des Außenstellenleiters sowie die Einschaltung der Vertrauensperson zunächst richtig umgesetzt.

Dann standen zwei Aussagen gegeneinander – ein eher vager, am Opfer-Telefon formulierter Vorwurf gegen das Dementi eines langjährigen Mitarbeiters. Beweise oder Zeugen gab es nicht. Auch eine Strafanzeige lag gegen den Mitarbeiter nicht vor. Da sich die Kontaktaufnahme zu der Frau schwer gestaltete, entschied sich der Landesvorsitzende in dieser schwierigen Situation dazu, dass ein nicht negativ auffälliger und nicht vorbestrafter Mitarbeiter, der sich selbst als falsch beschuldigt darstellte, mit Einschränkungen seine Tätigkeit wieder aufnehmen durfte. Heute glauben wir, dass diese Entscheidung falsch war.

Die Geschäftsführung des WEISSEN RINGS entschied gemeinsam mit der Unabhängigen Vertrauensperson am 13. Februar 2019, dass der Fall damit noch nicht abgeschlossen sein kann. Nach mehrmaligen erfolglosen Anläufen gelang es der Unabhängigen Vertrauensperson die Kontaktaufnahme zu der Hinweisgeberin. Ein persönliches Treffen zwischen Dr. Fischer-Drumm und dem Opfer fand statt.

Der Landesvorsitzende von Westfalen-Lippe, Jörg Bora, sagt dazu: „Für den WEISSEN RING, seine vielen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und für mich persönlich bleibt eine tiefe Betroffenheit zurück. Das Vertrauen von Menschen, die sich in einer persönlichen Ausnahmesituation hilfesuchend an uns gewandt haben, ist hier mutmaßlich auf schwerste Weise missbraucht worden. Ich möchte persönlich dafür um Entschuldigung bitten, dass es dem WEISSEN RING, dass es mir nicht gelungen ist, sie hiervor zu bewahren, wenn die Vorwürfe zutreffen. Es ist grundsätzlich unerträglich, wenn Menschen durch ein Verhalten eines Mitarbeiters des WEISSEN RINGS erneut zu Opfern werden. Das schmerzt mich und schmerzt den WEISSEN RING als Organisation unendlich.“

Auch die Vertrauensperson des WEISSEN RINGS, Dr. Herbert Fischer-Drumm, äußert sich betroffen. „Die Umstände des damaligen Falles waren durch den unregelmäßigen Kontakt zum Opfer gekennzeichnet, so dass die anfängliche Kommunikation nicht zufriedenstellend weitergeführt werden konnte. Bestehende Widersprüche in der Darstellung des Opfers waren daher nicht eindeutig zu konkretisieren. Vor diesem Hintergrund konnte die ursprünglich empfohlene weitere Suspendierung des ehrenamtlichen Mitarbeiters keinen Bestand mehr haben. Der frühere Außenstellenleiter, mit dem ich natürlich auch gesprochen habe in meiner Funktion, hat auch mich mutmaßlich getäuscht. Ich bedauere heute, damals nicht intensiver nachgefragt zu haben.“

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6 Gab es in der Vergangenheit ähnliche Vorwürfe gegen Mitarbeiter des WEISSEN RINGS?

Ja. Im März 2018 waren schwere Vorwürfe gegen einen damals 73-jährigen Außenstellenleiter in Lübeck bekannt geworden. Der pensionierte Polizist sollte jahrelang weibliche Opfer unsittlich berührt, mit Anzüglichkeiten beschämt und sogar zur Prostitution aufgefordert haben. Die juristische Aufarbeitung der Vorwürfe dauert an. Insgesamt hatten sich nach Bekanntwerden der Vorwürfe 29 Frauen mit Beschwerden gemeldet. Letztlich kam es in der Sache in einem Fall zu einer Anklage wegen Exhibitionismus, vor Gericht wurde der ehemalige Außenstellenleiter freigesprochen. Er hatte seinerseits alle Vorwürfe bestritten. Die Nebenklage ist gegen das Urteil in Berufung gegangen ist, eine Entscheidung steht aus.

Unabhängig von dem juristischen Ausgang waren die im Raum stehenden Vorwürfe ein Schock für den WEISSEN RING, der Verein reagierte mit mehreren Maßnahmen: Man führte das Sechs-Augen-Prinzip in der Betreuung von weiblichen Opfern bei Sexualdelikten ein, installierte eine hauptamtliche Beschwerdestelle, ein Integritätsmanagement, ergänzte die Aus- und Fortbildung   und stellte eine ehrenamtliche Unabhängige Vertrauensperson ein. Weiter gab der Verein dem Geschäftsführenden Bundesvorstand per Satzung die Möglichkeit, im Notfall Mitarbeiter zu suspendieren.

Trotz der damals eingeführten Veränderungen zeigt sich, dass gegen vorsätzliches kriminelles Verhalten von Einzelnen unerlaubte Kontaktaufnahmen nicht hundertprozentig verhindert werden können. Dennoch unternimmt der WEISSE RING alles, um auch dieses Restrisiko soweit es geht zu minimieren. Über die Ergebnisse der neu eingesetzten Taskforce werden wir hier berichten.

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7 Warum konnten diese Maßnahmen die neuen Vorwürfe nicht verhindern?

In der Gesamtbetrachtung der Entwicklung und der jetzt im Raum stehenden Vorwürfe gab es dafür verschiedene Gründe. Im Einzelnen:

  • Der Außenstellenleiter hat sich mutmaßlich über Standards der Opferbetreuung eigenständig und möglicherweise mit krimineller Energie hinweggesetzt.
  • Der Außenstellenleiter hat sich darüber hinaus auch über ein für ihn geltendes und vom Landesvorsitzenden explizit ausgesprochenes Sechs-Augen-Prinzip hinweggesetzt.
  • Der Außenstellenleiter hat, so lautet ein sich in beiden Fällen ähnelnder Vorwurf, mutmaßlich jeweils angegeben, dass eine Bearbeitung durch Frauen nicht möglich gewesen sei. Wenn diese Aussage so getätigt wurde, ist sie falsch. In der Außenstelle Hochsauerlandkreis arbeiten engagierte Kolleginnen, die der Außenstellenleiter hätte hinzuziehen oder aber an seiner statt die Fälle hätte bearbeiten lassen können.
  • Sollten die im Januar 2019 erstmals erhobenen Vorwürfe gegen den Außenstellenleiter im Hochsauerlandkreis stimmen, war die Einschätzung der Unabhängigen Vertrauensperson nicht korrekt.
  • Das Sechs-Augen-Prinzip ist nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe gegen den Lübecker Außenstellenleiter per Vorstandsbeschluss am 21. März 2018 verpflichtend im Verein eingeführt worden. „Die Betreuung weiblicher Opfer von Sexualdelikten darf ab sofort nur noch durch Frauen, hilfsweise im Tandem, erfolgen“, heißt es darin. In der Folge gab es von ehrenamtlichen Mitarbeitern Kritik an dem Prinzip. Es wurde aufgrund der personellen Mehrbelastung als nicht praktikabel in der täglichen Opferarbeit vor Ort angesehen und würde die schnelle und unbürokratische Hilfe durch den Verein gefährden. Die Sorge war groß, Opferfälle aufgrund des erforderlichen Personalaufwands ablehnen zu müssen. Auch empfanden viele ehrenamtliche Helferinnen und Helfer die Einführung des Sechs-Augen-Prinzips als einen Generalverdacht gegen sich und ihre Tätigkeit.
  • Grundsätzlich ist zu dem Sechs-Augen-Prinzip anzumerken: Es ist ein wichtiges Prinzip in der Arbeit mit Opfern, um sowohl Opfer als auch den Helfer oder die Helferin vor ungerechtfertigten Beschwerden zu schützen. Es kann aber relativ leicht umgangen werden. Bewusste Verstöße dagegen lassen sich kaum verhindern – beispielsweise, wenn ein Mitarbeiter trotz Sechs-Augen-Prinzip bei passender Gelegenheit heimlich Kontakt zu einem betreuten Opfer sucht und durch das Versprechen bevorzugter Hilfe das Vertrauen der Opfer erschleicht.  Eine heimliche Kontaktaufnahme kann auch durch Kontrollen kaum verhindert werden. Falls es zu Beschwerden kommt, wird sofort geprüft, ob das Sechs-Augen-Prinzip eingehalten wurde. Wurde es nicht eingehalten, hat der Mitarbeiter Schwierigkeiten, die Vorwürfe zu widerlegen.

Gegen kriminelles Verhalten gibt es keinen hundertprozentigen Schutz. Was getan werden kann, ist, das Risiko solcher Fehlverhalten weitestgehend zu minimieren. Daran arbeitet der Verein seit Jahren. Letztlich waren die nach Lübeck eingeführten Maßnahmen in der Sache richtig. Das zeigt sich auch in der schnellen Reaktion auf die aktuellen Vorwürfe.

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8 Werden die Maßnahmen jetzt verschärft?

Mit der schnellen und rigorosen Reaktion des WEISSEN RINGS im aktuellen Fall zeigt sich, dass der Verein eine lernende Institution ist. Diesen Weg weiter zu gehen, ist alternativlos, der Verein WEISSER RING ist das sowohl den Opfern als auch den ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und seinen Unterstützerinnen und Unterstützern schuldig. Daher werden auch die aktuellen Vorwürfe für erneute Veränderungen in der Organisation WEISSER RING sorgen. Zu den Sofortmaßnahmen gehören:

  • Zum Nachweis der Einhaltung des Sechs-Augen-Prinzips ist ab sofort von der Bundesgeschäftsstelle in Mainz ein Formular in der Entwicklung, das von allen am Opfer-Gespräch teilnehmenden Personen unterzeichnet werden muss.
  • Die Qualitätsstandards werden noch einmal aus Opfer-Perspektive neu formuliert und veröffentlicht. So wird zum Beispiel unmissverständlich klargestellt, dass ein weibliches Kriminalitätsopfer selbstverständlich darauf bestehen kann, von einer Mitarbeiterin betreut zu werden. Dies muss jedem weiblichen Opfer aktiv angeboten werden. Dafür werden wir intensiver als bisher auch öffentlich werben.
  • Über diese Sofortmaßnahmen hinaus wird aktuell über weitere Veränderungen in der täglichen Opferarbeit nachgedacht. Diese Veränderungen sowie weiteren Handlungsbedarf, der sich aus der Überprüfung möglicher Unregelmäßigkeiten ergeben kann, definiert derzeit die Taskforce. Darüber werden wir berichten.

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9 Was macht der WEISSE RING mit den Opfern, von denen er erfährt?

Der WEISSE RING bietet jeder Betroffenen die größtmögliche Unterstützung an. Das gilt auch für die beiden Frauen, die die Vorwürfe gegen den Außenstellenleiter im Hochsauerlandkreis erhoben haben – sofern sie sich denn überhaupt vorstellen können, weiter von Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiterin des Vereins betreut zu werden. So hat die Frau, die sich 2019 über das Opfer-Telefon meldete und als erste Vorwürfe gegen den Mitarbeiter des Vereins erhob, bereits Interesse signalisiert und wohlwollend auf ein Unterstützungsangebot reagiert.

Potenziell betroffene Frauen können sich über die Hotline unter der Telefonnummer 0151/55164597 beim WEISSEN RING melden. Ansprechpartnerin am Telefon ist Petra Klein, Vorstandsmitglied und Leiterin der Außenstelle Oldenburg in Niedersachsen.

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10 Was sagt der Vorstand?

Der Bundesvorsitzende des WEISSEN RINGS, Jörg Ziercke, zeigt sich erschüttert über die Vorwürfe gegen den Außenstellenleiter: „Der WEISSE RING will Opfern helfen, er darf keine Opfer schaffen. Ich entschuldige mich im Namen des gesamten WEISSEN RINGS bei den Frauen, die durch mutmaßlich kriminelle Verhaltensweisen Einzelner geschädigt worden sind. Ich werbe um das Vertrauen für 2800 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer in ganz Deutschland, die einen klaren ethischen Kompass haben. Sie haben das Vertrauen der Menschen verdient. Wir sind zutiefst betroffen und geschockt.“

Allein 2020 hat der WEISSE RING in 11.645 Fällen materielle Hilfen leisten können. Materielle Hilfe bedeutet, dass der Verein beispielsweise Opfern von häuslicher Gewalt die Flucht bezahlt oder eine neue Unterkunft, Anschlagsopfern eine Erholungsmaßnahme, Anwaltskosten trägt oder Therapieleistungen vorfinanziert. Hinzu kommen Tausende Fälle sogenannter immaterieller Hilfen, in denen Opferhelfer Betroffene berieten, Kontakte vermittelten oder ihnen einfach nur zuhörten.

Jörg Ziercke: „Viele Opfer zeigen durch ihre Rückmeldungen, wie wichtig schnelle und unbürokratische Hilfe ist. Bevor staatliche Einrichtungen Hilfe leisten können, hat der WEISSE RING Menschen in Not schon geholfen. Diese Hilfen kommen überwiegend Menschen zugute, die schwere Schicksalsschläge erlitten haben.“

Der WEISSE RING ist überzeugt davon, dass diese Hilfe wichtig und gesellschaftlich wertvoll ist. Daher hat der WEISSE RING sich für die Aufarbeitung des Geschehens größtmögliche Transparenz verordnet. Diese Website wird deshalb regelmäßig aktualisiert. Die Offenlegung der Vorgänge wird lediglich durch Ermittlungsgründe seitens der Strafverfolgungsbehörden bei den strafrechtlichen Fragen beschränkt.

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Kontakt zum WEISSEN RING

Bitte senden Sie Anfragen grundsätzlich per E-Mail an presse@weisser-ring.de.
Telefon: 06131 / 8303-4000